Martin Baresch wird verhört … in Sachen Sherlock Holmes.


DF: Gestehen Sie, Mr. Baresch: Warum schreibt ein deutscher Autor Sherlock Holmes?

MB: Um möglichst viel Geld zu verdienen? Nein, ernsthaft: Mir persönlich gefielen die von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Holmes-Abenteuer schon in jungen Jahren. Im Lauf der Zeit habe ich sie immer wieder gerne mal gelesen; auch parallel zu den Werken von Charles Dickens oder zu dem, was ich selbst viele Jahre lang geschrieben und veröffentlicht habe.
Eines Tages hatte ich, während ich an einem völlig anderen Roman schrieb, die Geschichte um die »Mordakte Watson« im Kopf - mit einem Holmes, der nicht nur als Denkmaschine agiert, sondern im Zentrum der eigenen Ermittlung steht. Danach habe ich ziemlich lange recherchiert - Holmes` Macken, das viktorianische London, Arthur Conan Doyles  Leben, die Plots sämtlicher Holmes-Geschichten ... Dann habe ich angefangen, daran zu schreiben, neben meiner Arbeit an einem umfangreichen Fantasy-Projekt – und wurde aus allem böse rausgerissen: mit der Diagnose einer ziemlich schweren Erkrankung, die mich bis dahin schon lange durch jede Menge Ärzte-Sprechzimmer geführt hatte.

DF: Du hast das komplette Programm bekommen – OP, Bestrahlungstherapie, Chemotherapie … Willst Du dazu etwas sagen?

MB: Ja. Nach der OP eines als WHO-Grad III (also bösartig) eingestuften Gehirntumors rieten die Neurochirurgen dazu, auf Nummer Sicher zu gehen und vereinbarten sofort entsprechende Termine für mich.

DF: Du gehst verblüffend offen damit um …

MB: Warum nicht? Sowas passiert ja nicht nur mir, also warum daraus ein Geheimnis machen und den Scheiß damit nochmal dramatisieren? Ich bin nach der OP nicht in einer Gummizelle gelandet oder habe an meinem linken Zeh genagt, ohne das zu merken – wie das einige in meinem engsten Umfeld befürchtet hatten. Ich bin bis heute nicht daran gestorben, ich muss seit 2016/2017 nur mit den Spätfolgen der Bestrahlungs- und Chemotherapie klarkommen.  Und, leider, auch meine Lieblingsmenschen und enge Freunde. Vor allem aber konnte und kann ich in meinem Beruf arbeiten, das klappte sogar schon recht bald nach dem Eingriff. Also war und bin ich dankbar. Und demütig.
Die regelmäßigen Verlaufskontrollen, die seither mein Leben takten, reichen völlig.
Außerdem … ich hatte einen unglaublich lieben Menschen, meinen Kater und ein paar wenige aber gute Freunde an meiner Seite, die mir beistanden, mein Leben zu strukturieren und mir selber meine Resilienz zu beweisen. Die haben mir schon mal deutliche Zeichen gegeben, wenn ich ins Rührselige abrutschte. Und mein Vater und mein jüngster Bruder waren toll. Kai Meyer hat mir seine Bücher geschickt, mit Motivations-Widmungen. Da konnte ich dann ja wohl auch die neun Monate Komplettprogramm durchstehen.
Und meine Holmes-Geschichte war immer noch präsent. Das blieb sie, obwohl ich mir aber zugleich gar nicht mehr zutraute, auch nur eine Zeile noch schreiben zu können und deshalb dem Verleger des Loewe Verlags wahnsinnig dankbar war, als der mir die Chance bot, Jugendbücher zu schreiben, oder ins Deutsche zu übersetzen. »Benjamin Piff und die Magie der Wünsche« war das erste, schon der Titel hat mich umgehauen, weil alles so passte!
In der Zeit packte mich auch eine wahnsinnige Lebens- und Reisegier. Also habe ich unterwegs gearbeitet. Unterwegs hab ich schließlich auch alles in Sachen »Sherlock Holmes und die Mordakte Watson« noch einmal komplett neu recherchiert – und mich mitten in der Nacht an eine völlig neue erste Fassung gesetzt.

DF: Also sozusagen mit Holmes zurück ins Leben.

MB: Ja. Das hat mit der »Mordakte Watson« schließlich geklappt, und danach auch mit zwei Holmes-Abenteuern für Jugendliche für das im Verlag Das Beste erscheinende »Readers’ Digests Großes Jugendbuch«.

DF: Die erste, »Sherlock Holmes und die geheimnisvolle Rechenmaschine« erschien bereits 2004 – zu Holmes hundertstem Geburtstag.

MB: Ich hab wirklich recht schnell wieder angefangen zu arbeiten, weil ich mein Leben zurückhaben wollte. Übersetzen, Schreiben … das war meine Lebensmotivation. - Veröffentlicht wurde das »Große Jugendbuch« mit dieser Holmes-Geschichte aber erst 2005.

DF: 2006 brachte »Readers’ Digests Großes Jugendbuch« laut Wikipedia dann prompt deine zweite – »Sherlock Holmes und der brennende Mond«. In der auch ein jugendlicher H.G. Wells mitspielt … und beeindruckend locker erklärt wird, warum der in späteren Jahren Romane wie »Krieg der Welten« verfasst hat. Auch zu Wells Jugend wird viel erzählt.

MB: Ja. Weil ich den eigentlich auch schon immer gerne gelesen habe. – Hab ich schon erwähnt, dass ich auch wahnsinnig gerne lese? Jedenfalls, Du siehst, es ist also, zumindest für mich, ein ziemlich persönliches Ding, über Sherlock Holmes und John H. Watson zu schreiben.

DF: Wie passt Du Deine Geschichten in den Kanon der bereits existierenden Holmes-Werke ein?

MB: Grundsätzlich gilt für mich: Doyles Holmes-Veröffentlichungen müssen die Basis sein, auch weil es mittlerweile einfach unmöglich ist, noch einen Überblick zu behalten über sämtliche in Buchform bereits veröffentlichten Sherlock Holmes-Fälle, leider. Das heißt, natürlich: Jede Menge Recherche. Trotzdem. Doyle ist das Maß aller Dinge, trotz der tollen Werke von z.B. »Zeus Weinstein«, Christian Endres und Franziska Franke.

DF: Was meinst Du, wie erklärt sich das gespaltene Verhältnis Arthur Conan Doyles zu seiner berühmtesten Figur? Und kannst Du das nachempfinden?  

MB: Ja. Wenn man als Autor nur noch im Schlagschatten eines seiner Protagonisten wahrgenommen wird, kann das schon unbefriedigend werden. Erst recht, wenn man, wie ACD, solch eine Menge an – auch politischen! – Interessen und Anliegen hatte ...

DF: Auf die Du in der »Mordakte Watson« ja auch zu sprechen kommst.
 
MB: Ich wollte in der »Mordakte Watson« halt ganz bewusst Doyles Interessen und Anliegen im Originalton wiedergeben. Das war eben meine Art, Respekt zu erweisen.
Der Gute ist ja tatsächlich mehrfach bei Parlamentswahlen knapp gescheitert, und schon 1882, ganz ohne Steilvorlage eines gewissen Limburger Bischofs oder in Kenntnis der ganzen Missbrauchsskandale, die in heutiger Zeit aufgedeckt wurden, gab er die Erklärung ab, den Glauben an die katholische Kirche verloren zu haben. Dazu gehörte damals schon einiger Mut. Dieser Mut, diese Zivilcourage, sich eine eigene Meinung zu leisten, zieht sich durch Doyles gesamtes Leben. Hat mich immer beeindruckt und vielleicht auch ein bisschen geprägt.
1901 veröffentlichte der zum Beispiel seine Entgegnung auf die Vorwürfe der internationalen Presse um angebliche Kriegsverbrechen der Briten im Burenkrieg und verkaufte damit 300.000 Exemplare, allein in den ersten sechs Wochen nach Erscheinen. Für sich selbst forderte er aus den Erlösen keinen Cent.
Interessant ist auch, wie vehement er sich damals schon für die Reform der strengen Scheidungsgesetzgebung engagierte. Oder für den Fall des unschuldig zu sieben Jahren Zuchthaushaft verurteilten George Edalji. Oder wie er in seinem Buch »The Crime of the Congo« die Grausamkeiten thematisiert, die von Managern der Handelsgesellschaften in Britisch-Kongo an den Ureinwohnern verübt wurden. Oder, dass er sich ab 1910 siebzehn Jahre lang (!) für den deutschen Juden Oscar Slater einsetzte, der in Schottland wegen Mordes verurteilt worden war – bis dieser 1927 tatsächlich freigesprochen wird.
So ein Engagement für weniger Privilegierte findest du heute nicht mehr bei vielen erfolgreichen Autoren, leider auch bei immer weniger deutschen. Im Gegenteil.

DF: Was sie reden, und was sie tun …

MB: Genau. »Ich halt mich da raus!« ist heute allgemeines Mantra von ganz vielen Autoren. Zum Glück nicht von allen.  Sich rauszuhalten ist das Gegenteil von z.B. Doyles Charakter.
Auch deshalb halte ich Doyle selbst nach seiner ganz persönlichen »Elfenfoto«-Glaubwürdigkeitskatastrophe noch außergewöhnlich. Und alle Welt nahm und nimmt ihn bis heute halt »nur« als den Sherlock Holmes-Erfinder wahr ...

DF: Das fällt übrigens auch im Gespräch sehr positiv auf: Wie exakt Du für die »Mordakte Watson«  auch über Arthur Conan Doyle recherchiert hast. Da sind so viele Details und Anspielungen auf die Holmes-Original-Geschichten und Doyle selbst zu finden, dass ...

MB: Genau! Dass zumindest ein »Amazon Customer« ein klitzekleines bisschen überfordert war.

DF: Gelinde ausgedrückt. Der hat sich in eine völlig unsinnige und dazuhin nebulöse Kritik verstiegen.

MB: Was man akzeptieren muss.

DF: Auch wenn sie nach der >thrillkult-Neuausgabe vom Januar 2016 noch immer online ist?

MB: Ja. Wenn der bei seiner Meinung bleibt und sie gepostet lässt, obwohl die ihm von anderen Lesern schon sachlich widerlegt wurde, dann ist das halt so. Da kann man als Schreiberling nur gelassen bleiben und hoffen, dass andere Leser sich davon nicht abschrecken lassen, sondern sich eine eigene Meinung bilden. Diese Leser gibt es ja, zum Glück.

DF: So! Damit aber abschließend in den Verhör-Modus: Deine Holmes-Lieblingsgeschichte? Dein Holmes-Lieblingsfilm?

MB: Als Holmesianer mag ich alle Holmes-Erzählungen. Zugegeben, die vor dem »Comeback aus dem Reichenbachfall« ein wenig lieber, vielleicht, weil er die »Comeback-Geschichten« vor allem des Geldes wegen schrieb und mir schon der Gedanke nicht gefällt. Vermutlich hat das bei mir aber auch nur einiges mit jugendlicher Prägung zu tun.
Von den Filmen jüngeren Datums gefällt mir natürlich (!) die britische TV-Serie »Sherlock« wahnsinnig gut - vor allem, ich gesteh’s –, weil Cumberbatchs Interpretation von Holmes meiner eigenen Vorstellung so nahekommt. – Robert Downey jr. als Holmes war auch ok. Guy Ritchie-Filme gefallen mir sowieso immer, weil sein schwarzer Humor ganz prima mit meinem ziemlich deckungsgleich ist. Von den alten Holmes-Sachen mag ich heute noch »Sherlock Holmes and the Voice of Terror« von 1942, in dem es Holmes und Watson per Zeitsprung ziemlich aberwitzig in die Wirren des Zweiten Weltkriegs verschlägt. Wurde damals von Universal produziert. Krasses Ding, jedenfalls für einen Holmes-Film.
Insgesamt aber hat mich an sämtlichen Holmes-Verfilmungen immer gefrustet, dass Watson so grausam »verdämlicht« wurde.

DF: OK, damit abschließend - natürlich - für uns und die baresch’schen Holmes-Fans da draußen: Die Frage aller Fragen: Wirst Du weitere Sherlock Holmes-Geschichten schreiben?

MB: Jetzt, wo alle Sherlock Holmes-Geschichten schreiben und veröffentlichen? (Empört) – Na klar!


Erstmals ungekürzt. Das ursprüngliche Interview führte Dieter Fischer. Aktualisiert wurde es während der dritten Welle der Corona-Pandemie ab März 2021.


Phantastisch spannende Abenteuer